Als die USA von Dänemark die Virgin Islands kauften
Entscheidend war die Geheimhaltung: Mitten im Ersten Weltkrieg verkaufte Kopenhagen seine karibische Kolonie für 25 Millionen Dollar in Gold. Gelohnt hat sich das Geschäft allerdings nie
Diplomatie ist eigentlich ganz einfach: Wenn man etwas erreichen will, lässt man gebildete und in Umgangsformen versierte Menschen vertraulich diskutieren. Das Gegenteil von Diplomatie hat gerade Donald Trump vorgeführt: Erst machte er per Twitter Dänemark das Angebot, Grönland an die USA zu verkaufen. Dann sagte er, beleidigt über die Ablehnung allerorten, seinen vereinbarten Staatsbesuch in Kopenhagen ab.
Wie man es besser macht, zeigte einer von Trumps Vorgängern im Weißen Haus, Woodrow Wilson. Der 28. Präsident der USA erwarb 1916/1917 die damaligen Dänisch-Westindischen Inseln für 25 Millionen Dollar in Gold. Seither gehören sie als United States Virgin Islands zu den USA, bilden jedoch ähnlich wie Puerto Rico – ebenfalls in der Karibik – oder Guam im Pazifik keinen eigenen Bundesstaat, sondern ein Territorium mit speziellem Status (förmlich: organized unincorporated territory).
Das Interesse der USA an den drei größeren Inseln Saint Croix, Saint John und Saint Thomas sowie mehr als 70 kleineren Eilanden bis hinab zu größeren Felsen im Meer westlich von Puerto Rico und der Dominikanischen Republik währte damals schon ein halbes Jahrhundert. 1867 hatte es zum ersten Mal Verhandlungen zwischen den USA und Dänemark über einen möglichen Kauf gegeben. Seit Ende des 17. Jahrhunderts beanspruchte Dänemark Saint John und Saint Thomas als Kolonien, seit 1733 auch Saint Croix.
Doch rentabel für das skandinavische Königreich waren diese Kolonien seit den 1850er-Jahren nicht mehr. Deshalb bot die dänische Krone sie auch 1864 nach dem Deutsch-Dänischen Krieg Preußen an, um selbst Schleswig zu behalten – doch Ministerpräsident Otto von Bismarck war nicht interessiert.
Drei Jahre später versuchte US-Außenminister William H. Seward, die Inseln zu erwerben, als Teil seiner Strategie der friedlichen Gebietserweiterung. Seward handelte einen Vertrag aus, durch den zwei der drei Inseln für 7,5 Millionen Dollar an die USA gegangen wären – zum Vergleich: Für den gleichzeitigen Erwerb von Alaska bezahlten die USA 7,2 Millionen Dollar an Russland.
Dem stimmte das dänische Parlament zu und auch die Bevölkerung der Inseln Saint John und Saint Thomas. Die Bewohner sollten wählen dürfen, ob sie US-Bürger werden oder Dänen bleiben wollten.
Doch der US-Senat in Washington lehnte den Deal ab. Das hatte mehrere Gründe: Einerseits war das politische Washington tief gespalten, da Präsident Andrew Johnson wegen seiner Amtsführung vor einem Impeachment-Verfahren stand; andererseits befürchteten die Senatoren, dass die Kosten des durch Naturkatastrophen wie Wirbelstürme gefährdeten Gebietes zu hoch sein würden.
32 Jahre später gab es einen zweiten Anlauf, diesmal aber zu erheblich schlechteren Bedingungen. Nun sollte der Kaufpreis nur noch fünf Millionen Dollar betragen, gemessen an der Kaufkraft ungefähr die Hälfte des Angebotes von 1867. Außerdem war keine Volksabstimmung auf den Inseln vorgesehen, und die Bewohner sollten auch nicht das Recht bekommen, unmittelbar US-Bürger zu werden.
Das dänische Unterhaus stimmte dem unvorteilhaften Plan 1902 dennoch zu, doch im Oberhaus herrschte Stimmengleichheit und damit Ablehnung des Verkaufs. Die US-Regierung war verärgert, denn der Kauf galt als wichtig für die Absicherung des gerade im Bau befindlichen Panamakanals. Sogar der US-Senat hatte schon zugestimmt.
Der dritte und schließlich erfolgreiche Anlauf zum Kauf begann 1915. Nach der Versenkung des britischen Passagierdampfers „RMS Lusitania“ 1915, bei der 128 US-Zivilisten starben, standen die USA kurz vor dem unmittelbaren Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Das konnte zwar durch deutsches Zurückweichen noch einmal verhindert werden, doch Präsident Wilson war klar, dass beim nächsten Konflikt die USA in den Krieg hineingezogen werden würden.
In diesem Fall hätte, so die Befürchtung, Deutschland das neutrale und militärisch schwache Dänemark besetzen und auf dessen karibischem Außenposten einen eigenen Stützpunkt errichten können. Der hätte den Panamakanal gefährdet und damit US-Interessen in der westlichen Hemisphäre.
Die in der offiziellen Dokumentensammlung „Foreign Relations of the United States“ dazu veröffentlichen insgesamt 255 einzelnen Depeschen, Analysen und Briefe zeigen deutlich, wie Wilson und sein Außenminister Robert Lansing den dritten Anlauf einfädelten.
Zunächst nämlich, im Oktober 1915, lehnte der dänische Botschafter in Washington, Constantin Brun, das vertraulich vorgetragene Ansinnen rundheraus ab. Einer der wesentlichen Gründe war die Lage der Bürgerrechte in den USA, vor allem im Süden, wo Rassentrennung herrschte und dunkelhäutige Menschen massiv benachteiligt wurden.
Dänemark verlangte, dass die Bewohner der Inseln die US-Bürgerrechte bekämen und die rassistischen Regelungen der Südstaaten nicht übertragen würden. Außerdem sollten eine Volksabstimmung stattfinden und Handelsfreiheit garantiert werden – die Produzenten auf den Inseln befürchteten nämlich, im Falle eines Wechsels unter US-Hoheit ihre langjährig aufgebauten Lieferantenkontakte aufgeben zu müssen. Das wies Lansing zurück, weil es in die Kompetenz des US-Kongresses falle.
Allerdings sahen sich Lansing und Wilson auch unter Druck, denn die Gefahr einer möglichen Besetzung Dänemarks durch das kaiserliche Deutschland war noch nicht vom Tisch. Als die USA 1916 aus anderen, vornehmlich innenpolitischen Gründen militärisch in der vom Chaos beherrschten Dominikanischen Republik intervenierten (und erst nach acht Jahren wieder abzogen), sah sich Dänemark zum Einlenken gedrängt.
Ohnehin war die Situation des neutralen Landes inzwischen schwierig. Durch die Kontinentalsperre der Royal Navy war Dänemark von allen Handelspartnern außer Deutschland sowie Norwegen und Schweden weitgehend abgeschnitten. Ein wesentliches Argument wurde deshalb der Preis: 25 Millionen Dollar in Gold – das entsprach 3,5 Prozent des US-Staatshaushaltes von 1916, also der Hälfte mehr als 1867 und dem Dreifachen von 1902.
Unter anderem deshalb gab Botschafter Brun nach und unterzeichnete am 4.August 1916 den Verkaufsvertrag, der allerdings unter dem Vorbehalt der Ratifizierung durch den US-Senat und beide Häuser des dänischen Parlaments und einer Volksabstimmung in Dänemark stand – jedoch nicht auf den betroffenen Inseln.
Die Verhandlungen waren streng geheim verlaufen und erregten angesichts des drohenden Eingreifens der USA in Europa auch nach Bekanntwerden nicht allzu viel Aufsehen. Brun fühlte sich zwar indirekt unter Druck gesetzt, erkannte aber dennoch die Ernsthaftigkeit seiner Verhandlungspartner an.
Nach dem stark beschleunigten Ratifizierungsprozess unterschrieb Wilson das entsprechende Gesetz am 16. Januar 1917; vollzogen wurde der Kauf zum 31.März 1917. Sechs Tage später erklärten die USA dem kaiserlichen Deutschland wegen des uneingeschränkten U-Boot-Kampfes den Krieg.
Der Kaufpreis war übrigens viel zu hoch. Seit 1922 gehen alle lokalen Steuereinnahmen an die örtliche Verwaltung. Nennenswerte Bodenschätze gab es nie. Jeweils 70 Prozent des Bruttosozialproduktes und der Arbeitsverhältnisse beruhen heute auf dem Tourismus. Im Gegensatz zum Erwerb von Alaska hat sich der Kauf der Virgin Islands für die USA niemals gelohnt.